Zwischen Lebens- und Geschäftsreisen Teil II

Veröffentlicht am 7. Mai 2022 um 15:39

In dem zweiten Teil zwischen Lebens- und Geschäftsreisen berichtet meine 93 jährige Klientin nicht nur über geschichtsträchtige Ereignisse, sondern inspiriert auch auf menschlicher Ebene für einen Sinn des Lebens in Krisenzeiten. Um die Anonymität zu bewahren nenne ich sie weiterhin "Frau Reise".

Liebe Frau Reise, Sie konnten über Clubs wie die "Freunde alter Uhren" oder "Kronometre" andere Länder kennen lernen. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Das kann ich so nicht sagen. Jede Nation hat ihren ganz eigenen Charakter, eine Menge Dinge die typisch sind. Frankreich den guten Wein und das Baguette, Italien die Pasta, aber ich glaube in Russland und in Schottland hat es mir bisher schon sehr gut gefallen. In Petersburg war ich zwei Mal und auch in einer Zeit, wo es noch ganz arm ausgesehen hat. Da haben sie bei den einfachen Häusern noch nicht einmal Fensterscheiben gehabt und ich kann mich erinnern, dass wir auf dem Weg zu den Schlössern durch die Straßen hindurch an diesen armen Häusern vorbei mussten und mancherorts standen Menschen in der Schlange an. Ich habe mich gefragt, was da los ist und warum so viele Menschen dort in der Schlange anstehen. Es war wegen den Kirschen. Vor allem die Kinder standen dort und freuten sich auf ein Sackerl mit Kirschen! Beim zweiten Besuch in Petersburg sah es schon viel besser aus und auf dem Weg zu den Schlössern, wo wir die alten Uhren besichtigen durften, luden uns die Russen auf ein Mittagessen in einem Gasthof ein. Die Tische waren wunderschön gedeckt und es standen Wassergläser bereit und ich dachte mir, jetzt trinke ich gleich einmal einen Schluck von diesem Wasser, dabei war es Wodka! Die hatten wirklich ein Wasserglas voll Wodka überall auf den Tischen stehen und ich dachte mir, die trinken ja wirklich Wodka wie Wasser! Mich hat es zusammen gezogen. Sie hatten auch richtiges Waser auf den Tischen, aber nur in so kleinen Wasserflaschen. Jedenfalls konnten die Deutschen und wir Österreicher beim Wodka trinken nicht mithalten und die meisten waren am Ende ganz schön fertig. Die Russen dachten sich, wie kann man nur so viel guten Wodka einfach stehen lassen. (Frau Reise lacht)

 

Die Halbinsel Krim habe ich auch besuchen dürfen und dort haben wir den Liwadija-Palast angeschaut. Das war die Sommerresidenz von dem letzten russischen Zaren Nikolaus der II. Und wir haben dort diesen großen, runden Verhandlungstisch gesehen, wo Churchill, Roosevelt und Stalin über uns alle entschieden haben. 1945 die Konferenz von Jalta. Es war das zweite von insgesamt drei alliierten Gipfeltreffen der „Großen Drei“ im bzw. nach dem zweiten Weltkrieg. Thema der Konferenz war die Aufteilung von unserem Österreich und Deutschland, die Machtverteilung in Europa nach dem Ende des Krieges, und der Krieg gegen das japanische Kaiserreich. Sie haben uns Österreichern sehr viel weggenommen und gedacht, die können eh nicht bestehen aber wie toll wir das alles gemacht haben und wie stolz wir auf unsere Heimat waren!

Wir haben alles neu aufgebaut, teilweise sind wir besser dagestanden als die Engländer oder die Franzosen und jeder hat mitgearbeitet und an einer Zukunft weiter gearbeitet. Heute findet sich kaum mehr ein richtiges Zusammen arbeiten nur gegeneinander. Aber damals gab es kein zurückziehen in die eigenen vier Wände die Aufbauzeit war eigentlich eine schöne Zeit weil es hat jeder dem anderen geholfen und jeder hat gerne  gearbeitet. Das Leben war auch angenehmer weil es Ruhezeiten dazwischen gab. Es hat zwar alles ein bisschen länger gedauert aber es war dann selbst erarbeitet. Es gibt Zeiten, da muss man sich ganz einfach dem Leben stellen und trotzdem Freude erleben und weiter machen. Oft fragen wir uns: Sind wir wirklich bereit dafür? Es kommt darauf an, nicht zu sehr im Leiden zu verharren und ein gesundes Maß an Glücksgefühl und Zufriedenheit in sich zu verankern. Das geht über das Mitgefühl und dann stellt sich diese Frage überhaupt nicht mehr. Aber wer ist dafür noch offen und bereit?

 

Ich weiß nicht, ob ich heute noch so viel über den Krieg sprechen möchte, da kommen sehr unschöne Erinnerungen hoch. Und überhaupt jetzt, wo es  in Europa wieder Krieg gibt. Das nimmt mich sehr mit. Frau Gabi, dafür nehmen wir uns beim nächsten Mal Zeit.

 

Wie wäre es, wenn Sie mir etwas über Schottland erzählen?

Ja genau, in Schottland waren wir auch auf eine Schlossbesichtigung und Uhrenbesichtigung eingeladen. Eine bekannte schottische Adelige hatte dort sogar eine ganze Insel und darauf stand ihr Schloss und wir durften die wunderschönen Gartenanlagen besuchen. Zu der Zeit blühte gerade der Rhododendron. Es war ein einziges Blütenmeer und wunderschön. Die Adelige hat uns gleich zu Beginn erzählt, von welchem Clan sie stammt: Campbell. Und sie hat auch gleich gesagt: Wir sind ein großer Clan und wir haben die Mc Donald umgebracht und fast ausgerottet. Aber das ist schon 300 Jahre her. 

Jedes Volk hat irgendwie auch eine dunkle Geschichte von ehrwürdigen Königen bis starken Kämpfern, Wagemut, Fürstentöchter so scheint das ganz besonders auch auf schottische Clans zuzutreffen. Jeder Clan führt sein eigenes Wappen und nennt einen eigenen Tartan, ein Emblem, einen Wahlspruch, einen Schlachtruf und sogar eine spezifische Dudelsackmelodie. Der Schlachtruf heißt im gälischen übrigens Slogan.

"The Campbells are coming", ist die Dudelsackhymne der Campbells. Der Campbell Clan ist ein wirklich alter und mächtiger Clan in den schottischen Highlands. Sehr große und sehr artenreiche Gebiete gehören zu ihnen und viele sind auch ausgewandert und haben sich in der ganzen Welt angesiedelt. Die Adelige hat mir gesagt, dass moderne Cheerleading sei durch einen Campbell ins Leben gerufen worden, der das Football Team von der University of Minnesota unterstützen und motivieren wollte. Durch die schottische Clangeschichte kam er darauf, während eines Spiels aufzustehen, die Initiative zu ergreifen und dann zettelte er einen Schlachtruf nach dem anderen an. Und das Publikum stieg ein und rief mit. Minnesota gewann das Spiel und so gründete Campbell wenig später eine Gruppe von sechs Männer, die als so genannte "yell captains" das Publikum zum Anfeuern animierten. Das erste Cheerleading-Team war geboren.

Aber die Engländer waren in der Geschichte sehr schiach zu den Schotten. Die haben alles verboten was nur irgendwie schottisch war. Die durften ihre Rockerln nicht mehr tragen und nix machen was typisch schottisch war. Das war in den großen Kriegen zwischen England und Schottland. Man darf zu einem Schotten nie Engländer sagen und die Unabhängigkeit versuchen sie nach wie vor zu erreichen! Ich weiß noch, dass es bei der Adeligen Campbell Haggis zu essen gab, das ist eine schottische Fleischspezialität. Sieht aber nicht sehr appetitlich aus, eher wie ein kleiner Beutel, die äußere Hülle ist ja ein zugenähter Schafsmagen. In seinem Inneren sind verschiede Schafsorgane zusammengemixt und dazu gibt es Hafermehl. Das Essen wird als richtiges Ritual zelebriert und mit den Gästen, die das nicht kennen, wird richtig Schabernack getrieben. Sie haben uns dort zuerst erzählt, dass Haggis ein schottischer Vogel ist. Und ich dachte komisch, von so einem Vogel habe ich noch nie gehört. Dann haben wir das gekostet und es hat uns sehr gut geschmeckt. Und erst danach haben sie uns erzählt, was das wirklich war. Aber es schmeckt wirklich gut! Dann haben sie uns auch ihren schottischen Single Malt Whisky angeboten, ein weiteres Traditionsprodukt. Zum Teil aus Jahrhunderte alten Destillen. 

Ja lange wollten die Engländer das alles unterdrücken und verbieten. Auch den ganzen schönen Tweed von den Hebriden. Die machen das ja alles mit Handarbeit. Und später durch Queen Victoria im 19 Jhdt. wurde alles wieder hoffähig gemacht und ein richtiger Kilt Boom schwappte auf ganz England und später auf die ganze Welt über. Aber ob ein Mann unter dem Kilt eine Unterhose trägt oder alles der frischen Luft überlässt, ist wohl Geschmackssache (Frau Reise lacht). Echt ist es allerdings unten ohne.

 

Frau Reise, was können Sie mir noch über Ihr Berufsleben erzählen?

Nach dem Krieg hat meine Mutter zu mir gemeint, ich soll auf die HAK gehen. Mir war es wurscht. Aber eigentlich wollte ich medizinische Assistentin werden oder Ärztin. Aber meine Mutter meinte, das kann ich immer gebrauchen und danach noch immer lernen. Dabei hätten wir sogar einen Verwandten am LKH Graz gehabt, der war Direktor und ich hätte sicher gleich anfangen können zu lernen. Drei Jahre hätte ich lernen müssen. Und nach der HAK habe ich dann durch einen Bekannten eine Anstellung bei der Arbeiterkammer bekommen. In der Hollerithabteilung. (siehe Titelbild erste Hollerithmaschinen)

Da habe ich soviel verdient wie ein Familienvater und war als junge Frau sehr selbstständig. Die Hollerithabteilung war in Österreich die aller erste und das war etwas ganz besonderes aus Amerika. Lochkarten prüfen bei den Maschinen. Vor 125 Jahren hat Herman Hollerith für seine elektromechanische Lochkartenmaschine das Patent erhalten. Hollerith gilt seitdem als Vater der Datenverarbeitung – und wir hatten in der Arbeiterkammer in der Steiermark die erste Abteilung dafür! Aber den ganzen Tag dabeisitzen war manchmal schon zum narrisch werden und eines Tages habe ich zu den anderen gesagt: wisst ihr was jetzt müssen wir mal ein bisschen Bewegung machen wir sind ja schon ganz steif!

Dann sind wir rausgegangen und da waren so Stufen hinauf und ich habe mich oben hingestellt und habe allen den Chadash Tanz gelernt. Die haben unten alle getanzt und ich habe oben getanzt und auf einmal bemerkte ich, wie alle langsamer wurden und so komisch geschaut haben und dann drehte ich mich um, und da stand plötzlich der AK Präsident mit vielen Besuchern und die wollten die Hollerith Abteilung besichtigen. Das war mir dann so peinlich. Dann hat der Präsident gefragt: Was machen Sie den da alle? Und ich habe geantwortet: wir tun ein bisschen Bewegung machen weil das viele Sitzen ist nicht gut.

Aja, hat er gesagt, das ist eine gute Idee und dann sind alle weitergegangen. Stundenlang sitzen, da wird man ja ganz deppert. 

 

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