Das Ende der Donaumonarchie

Veröffentlicht am 23. Juni 2022 um 22:14

Ich begegnete Fr. T. in Graz während meiner Arbeit als DGKP in der Qualitätssicherung. Die rüstige 98 jährige Dame hat mich auf Anhieb fasziniert. Ein Teil der Lebensgeschichte von Frau T. beginnt mit den Erzählungen ihrer Mutter, die 102 Jahre alt wurde. Sie handelt unter anderem auch von dem Ende der Donaumonarchie. Mittlerweile gibt es auch ein kleines Büchlein zu diesen bewegenden Lebensgeschichten, auf das ich bei weiteren Beiträgen noch zu sprechen komme.

Liebe Frau T. vielen Dank, dass Sie mit mir Ihre Erinnerungen teilen! Wann wurde Ihre Mutter geboren und wie ist sie aufgewachsen?

 

Meine Mutter wurde in der Zeit der Donaumonarchie geboren, unter der Herrschaft von Kaiser Franz Joseph I, im Jahre 1899, als viertes Kind der Eheleute F. und J. in Graz. Der Vater meiner Mutter war ein Maurermeister, der die Bautätigkeiten in Gösting maßgeblich mitentwickelt hatte. Er war ein Baumeister und Sachverständiger, der großes Ansehen in Graz genoss. Er baute ein großes Mietshaus und zog mit meiner Großmutter dort in die größte Wohnung ein. In der Zeit der Jahrhundertwende war es etwas Besonderes, ein Hausbesitzer zu sein. Es gab Zimmer-Küche-Wohnungen, in denen mehrere Personen gemeinsam lebten. Zudem gab es einen ausgedehnten Garten mit vielen Obstbäumen und es wurden Schweine und Hühner gehalten.

 

Mein Großvater war ein großzügiger Hausbesitzer. Zu Weihnachten wurde ein Schwein geschlachtet und das Fleisch an die Mieter der dreizehn Wohnungen verteilt. Obschon mein Großvater eher klein und schmächtig war, war er bei den Frauen sehr beliebt. Jedenfalls arbeitete er den ganzen Tag auswärts und die Haushaltsführung und Kindererziehung oblag alleine meiner Großmutter.  Sie war vor der Eheschließung eine Dienstmagd gewesen. Aber die Rolle als Mutter, die Arbeit im Garten und die Pflege der Tiere belasteten sie sehr. Sie verlor ihr erstes Kind im Babyalter und noch ein weiteres Kind. Das machte sie zunehmend depressiv. Mein Großvater erkannte das wohl und stellte sodann eine Dienstmagd ein, die ihr bei der alltäglichen Arbeit helfen sollte. Nun war auch der Großvater öfter zu Hause. Das machte meine Großmutter zunehmend fröhlicher. Aber als sie eines Tages von ihrem Einkauf nach Hause kam, erwischte sie ihren Mann mit der Dienstmagd in einer eindeutigen Stellung. Sie wollte der Dienstmagd sofort kündigen. Doch der Großvater hielt an dem Liebesverhältnis fest. So wurde es wieder zunehmend unerträglich für meine Großmutter.  Schließlich ging sie eines Tages zum Ufer der Mur, wo sie sich das Leben nahm. Für meine Mutter und ihre beiden Brüder löste das alles einen Schock aus.

 

Schließlich heiratete mein Großvater nach einem Jahr die Dienstmagd und meine Mutter und ihre Geschwister fanden etwas Trost und Unterstützung vom Pfarrer, der öfter in das Haus kam. Die neue Ehefrau übernahm den Haushalt und die beiden Buben hatte sie zunächst in ihr Herz geschlossen. Aber meine Mutter konnte sie nicht leiden. Für die geringsten Verfehlungen bekam sie die Lederpeitsche zu spüren. Sie verschwieg aber dem Vater ihr Leid. Der jüngste Bruder tröstete sie.

 

Meine Mutter war 15 Jahre alt, als am 28. Juni 1914 in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin ermordet wurden. Die Folge der Tat war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die meisten Menschen in Graz wussten von Sarajewo nichts. Für sie war das alles so weit entfernt. Das Leben ging seinen gewohnten Gang. Doch es eskalierte wenige Tage unter der Beteiligung von Frankreich und Russland. Mehr aber litt meine Mutter zunächst unter der Situation im eigenen Elternhaus und auch der jüngere Bruder wurde zunehmend Zielscheibe von Misshandlungen durch die Stiefmutter. Der ältere Bruder hingegen war ein Lieblingssohn. Irgendwann flüchteten meine Mutter und ihr kleiner Bruder zur Großmutter in der Nähe von Graz. Diese war zwar arm, hatte aber einen kleinen Bauernhof. Meine Mutter erkannte, dass sie sich eine Stelle suchen musste, damit sie überleben konnten.

 

In einem nahegelegenen Hotel fand sie eine Arbeit als Wäscherin. Der Lohn war niedrig aber sie konnte damit Lebensmittel kaufen. Eines Tages kam sie von der Arbeit nach Hause und musste feststellen, dass der kleine Bruder von der Polizei abgeholt worden war. Er wurde wieder zum Vater und zur Stiefmutter gebracht. Das brach ihr zwar das Herz, aber meine Mutter lebte noch eine Weile auf dem Bauernhof. Aber sie wusste, dass sie sich nach einer anderen Lebenslösung umsehen musste. Unter den Gästen im Hotel war eine reiche Wiener Familie die dort Urlaub machte. Sie erhielt das Angebot für sie als Dienstmädchen zu arbeiten. Die Familie war sehr nett. Und so genoss meine Mutter die erste Fahrt mit der Eisenbahn nach Wien. Fortan lebte sie in einem schönen Ringstraßen Palais. Und mit der Zeit wurden die Lebensmittel für die Zivilbevölkerung knapp. Meine Mutter verlor ihre Stelle als Dienstmädchen und es blieb ihr nichts anderes übrig als wieder nach Graz zurück zu kehren. Um den kleinen Bruder zu sehen ertrug sie einige Spott und Häme von der Stiefmutter in der alten Wohnung. Währenddessen musste der ältere Bruder an die Front.

 

Einmal schrieb er der Familie von der Front einen Brief und berichtete davon, dass sein Faschingskrapfen in jenem Jahr ein Wecken  war, genannt "Buns". Er bat darum, dass man ihm Schuhschmiere zuschickte, sowie Socken und ein halbwegs wirksames Mittel gegen Läuse. Währenddessen fuhr meine Mutter nach Budapest, wo sie mit einer Freundin gemeinsam eine neue Anstellung als Dienstmagd fand. Doch auch in Budapest waren bald die Auswirkungen des Krieges zu spüren. Anfangs waren noch genügend Lebensmittel vorhanden, aber die Versorgung wurde schwieriger und die beiden Freundinnen verloren auch diesen Arbeitsplatz. Gerade als sie wieder nach Österreich reisen wollten, kam es zwischen 8. und 31. Oktober zu Unruhen und Streiks von Zivilisten und Soldaten. Der Zusammenbruch der Donaumonarchie verstärkte die Probleme von vielen Völkern die in Ungarn lebten: Deutsche, Slowaken, Juden und Rumänen verlangten nach einem Selbstbestimmungsrecht. Der Name der Revolution leitete sich von den Astern ab, die von Soldaten, anstelle von Kappenröschen und Hoheitsabzeichen der österreichisch-ungarischen Streitkräfte an die Mützen geheftet waren.  Es wurden Gesetze gebrochen und bei der Schlacht an der Kettenbrücke am 28. Oktober gab es Tote und Verletzte. 

 

Meine Mutter und ihre Freundin waren mitten in den Schusswechsel geraten, als sie Budapest verlassen wollten. Sie hatten große Angst von einer Kugel getroffen zu werden. Deshalb krochen sie auf der Straße weiter um aus der Gefahrenzone zu kommen. Unter schwierigen Bedingungen schafften sie den Weg zurück nach Österreich. Aber die österreichische Monarchie gab es nicht mehr. Zurück blieb nur ein Rest- nämlich Österreich. Schließlich hatte meine Mutter dann doch noch Glück, in Wien bei einer Diplomatenfamilie als Dienstmädchen arbeiten zu dürfen. Sie schrieb nach Graz, dass sie den Krieg überlebt hatte. Doch das Antwortschreiben von meinem Großvater brachte erneut Trauer. Denn der ältere Bruder hatte an der Front in Italien nicht überlebt. Zwei Jahre danach erhielt sie die nächste traurige Botschaft. Der jüngere Bruder flüchtete vom eigenen Vater weil er nicht Maurer lernen wollte. Er nahm sich eine Frau und wollte mit ihr die Heimat verlassen und kaufte sich dafür Fahrkarten für eine Schiffspassage nach Amerika. Diese Reise dauerte einige Wochen und die hygienischen Bedingungen an Bord waren katastrophal. Schließlich bekam er Abszesse unter den Achseln und hohes Fieber, In New York angekommen hatte er kein Geld mehr für Medizin und erlag seiner Erkrankung.

 

Drei Jahre nach Kriegsende zog die Diplomatenfamilie für die meine Mutter arbeitete nach Rom. Sie hätte sofort mitgehen können, traute sich aber nicht sogleich und kehrte statt dessen noch einmal nach Graz zurück. Dort wollte sie der Vater unbedingt verheiraten und das gab meiner Mutter den Anlass, der Diplomatenfamilie sofort nach zu reisen. Von da an nahm ihr Leben eine glückliche Wende.

 

 

 

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