Biografiegeschichte mit einer 93 jährigen ausgesprochen geistreichen, reifen und liebevollen Frau, welche ich aus Gründen der Anonymität Frau Reise nenne.

Liebe Frau Reise, woher kommen Sie und was möchten Sie mir als Erstes über sich und Ihre Familie erzählen?
Ich bin 93 Jahre alt und komme ursprünglich aus Gratkorn. In meiner Familie war immer viel Musik zu hören denn wir haben sehr viel Hausmusik gespielt. Das war zu Weihnachten immer sehr schön. Mein Vater hat Geige gespielt. Mein Onkel hat auch Geige gespielt. Andere Verwandte sind mit der Ziehharmonika gekommen und da haben wir oft Hauskonzerte gemacht. Ich bin Einzelkind und konnte mit 7 Jahren Klavier lernen. Ich wusste zuerst überhaupt nicht was ein Viertel ist und ein Halbes und ein Achtel. Bis zu meinem 14 Lebensjahr habe ich Klavier spielen gelernt und danach noch 2 Jahre. Ich spielte sehr gut und hatte sogar öffentliche Auftritte in Graz. Wir, also die Lehrerin und noch andere junge Damen, haben einige Stücke eingelernt. Nach dem Krieg war ja sonst nix los. Vom Schubert haben wir das 3 Mäderlhaus eingelernt. Ich habe Klavier gespielt und die anderen haben gesungen. Und vom Opernhaus haben wir die ganzen Kleider bekommen, damit wir ein bisschen besser aussehen. Dann haben wir auch den fidelen Bauer gespielt. Das mussten wir 8 Mal spielen weil die Leute immer wieder gekommen sind und sie waren alle so froh, dass sich wieder irgendetwas tut.
Bei weiteren öffentlichen Auftritten in Graz mussten wir 4 händig spielen. Und da haben wir Beethoven gespielt, und es war eine Seite dabei, die hat so grauslich geklungen. Da habe ich mich immer so geärgert: Jetzt soll ich das vorspielen, den Leuten wird es ja langweilig und das Grausliche auch noch dazu. Und bei dieser einen Aufführung, es war wie ein innerer Drang, habe ich diese besagte Seite ganz einfach überblättert. Ich hab auf meine Klavierpartnerin geschaut und sie hat zum Glück gut mitgetan. Aber es hätte wirklich nicht gut geklungen und niemanden gefallen. So hat es jedem gefallen. Zu diesen Aufführungen sind auch gern die Engländer gekommen, die damals bei uns waren. Da haben wir eine gehabt, die hat mehr schlecht als Recht dazu getanzt, und dann haben wir hin und wieder auch noch ein Theaterstück dazu aufgeführt und die Engländer waren ganz begeistert. Ich war sehr oft dabei, weil es mich interessiert und begeistert hat und einmal ist da ein Engländer gekommen, der war ca. 16 Jahre alt und wir haben gemeinsam einen englischen Walzer getanzt „ich tanze mit dir in den Himmel hinein“. Aber ich konnte nicht tanzen und es war mir unangenehm.
Letztendlich habe ich in eine Unternehmerfamilie, eine Geschäftsfamilie hinein geheiratet. Weil er sich sehr um mich bemüht hat, der Herr von einer Uhrengeschäftsfamilie. Diese Familie hat das Hausmusik machen nicht so gekannt. Da ging es dann vordergründig immer um das Geschäft. Dann kam lange nichts und dann ist mal alles andere gekommen. Mein Vater hat das vorausgesehen. Er hat zu mir gesagt: „Überleg dir das gut!“ Aber wenn man jung ist glaubt man das einfach alles gut gehen wird. Ich habe mir hin und wieder gedacht: „Vielleicht hätten die auch lieber eine Frau aus einer Geschäftsfamilie gehabt!“ Aber ich habe mich sehr bemüht um alles zu lernen! Ich habe alles gemacht und ich habe mein Netzwerk aus Gratkorn mit in das Geschäft genommen. Die besten Kunden für eine lange Zeit! Heutzutage noch ein Uhren und Schmuckgeschäft zu haben ist gar nicht so einfach. Wer kauft noch eine Uhr und echten Schmuck? Die meisten wollen Traveller Schmuck oder Modeschmuck. Mein Sohn schafft es dennoch sehr gut und manche Kundinnen sind so zufrieden, dass sie sogar 2x im Jahr selbst gebackene Mehlspeisen in das Geschäft vorbei bringen! Er ist bei 2 Uhrenclubs dabei und uns besuchen vor allem Stammkunden. Einmal war sogar Otto Walkes im Geschäft, um auf dem Heimweg seiner Freundin ein hübsches Geschenk mitzubringen!
Früher war es Tradition, zu Feierlichkeiten wie einer Firmung eine Uhr zu schenken. Aber welcher Teenager freut sich heutzutage noch über so ein Geschenk? Wer lässt sich überhaupt noch firmen? Die Jugend ist heute ZU sehr verwöhnt. Da muss es schon eine Reise sein, ein Moped oder gar ein Kleinwagen. Ich selbst habe mich auch erst mit 17 Jahren firmen lassen. Ich bin noch auf die Handelsakademie gegangen und der Geistliche hat so vernünftig über die Religion gesprochen, der ist später sogar nach Afrika gegangen um zu helfen. Das hat mich überzeugt. Bei der Firmung hat sich dann meine Schulfreundin schnell hinter mich gestellt, weil ich hatte ja keinen Paten. Und ich habe mich hinter sie gestellt weil sie hat sich ebenfalls firmen lassen an jenem Tag. Das Kostüm dafür hat mir meine Mutter aus einem Leintuch genäht, das hat sie schön blau einfasst und es hat einfach aber hübsch ausgesehen. Meine Freundin hat ein Kleiderl von ihrer Mutter angezogen und danach sind wir auf den Hilmteich Boot fahren und haben ein Eis gegessen.
Über das Uhrengeschäft sind mein Mann und ich viel auf Reisen gewesen. Über Kronometre, so hat das geheißen und dabei waren nicht nur Uhrmachermeister sondern auch Ärzte und andere Privatpersonen international. Entweder waren wir bei den Italienern, oder in Belgien hat uns im Rathaus der Bürgermeister empfangen und wir haben überall die alten Uhren sehen können und in England genauso. Pendeluhren, Stockuhren, Standuhren aus dem 18., 19., oder 20. Jhdt., Kaminuhren, Kartelluhren, Rahmen oder Bilderuhren und Küchenuhren, alles was man sich vorstellen kann. In England gab es sogar auf einem Grab die Innschrift eines Uhrmachers (oben auf dem Titelbild zu sehen) es bedeutet:
„Hier ruht in horizontaler Richtung das äußere Gehäuse des Uhrmachers Georg Houthleigh. Ehrlichkeit war die Haupttriebfeder, Klugheit der Regulator in allen Lagen seines Lebens, er blieb niemals stehen, wenn es einem Unglücklichen beistehen hieß. ?? seine Bewegungen waren so gut reguliert, dass er nie in Verwirrung geriet, ausgenommen, wenn er aufgezogen wurde von Leuten, die den Schlüssel zu seinem Charakter nicht fanden. Er besaß die Kunst, seine Stunden so einzuteilen, daß sie aufeinander folgten in einer fortdauernden Reihe von Freuden, bis zur verhängnisvollen Minute, wo er auf immer stehen blieb. Er verließ das Leben am 13. November 1902 im Alter von 57 Jahren, mit der Hoffnung, neu repariert zu werden für die Ewigkeit."
Großuhren brauchen ein regelmäßiges Service, wussten Sie das? Es handelt sich dabei ja um mechanische Werke die mehr oder weniger kontinuierlich Laufen, die bewegliche Teile haben und die altern. Das sollte man intakt halten, wenn man möchte, dass besonders schöne Stücke in der Familie von Generation zu Generation weitergereicht werden. Es gibt heute noch Uhrhandwerker und auch Reparaturmöglichkeiten die in der Steiermark gefördert werden.
Naja jedenfalls war das alles sehr interessant! Man hat soviel gesehen! Es waren natürlich immer sehr betuchte Leute dabei und wir mussten uns auch immer in sehr teuren Hotels unterbringen, was uns nicht immer unbedingt gefallen hat. Aber es war eine schöne Zeit. In Holland waren wir auch. Da war eine alte Kapitänswitwe. Die muss irrsinnig reich gewesen sein. Da waren wir in ihrer Villa und da war alles alt und antik. Jedes Möbelstück, jeder Teller, dann hat sie gotische Schlafzimmer gehabt und teure Uhren die ihr Mann gesammelt hat. Man hatte fast schon Angst irgendwo anzustoßen und etwas kaputt zu machen. Aber wir durften uns dort umsehen und es war wirklich einmalig was sie dort gehabt hat! Sie hatte im Dachboden Kästen voll mit teuren Taschenuhren, weil die haben sie selbst nicht so interessiert und sie hat die fast ein bisschen verkommen lassen. Zudem hatte sie einen eigenen Angestellten im Haus, der auf das alles aufgepasst hat, weil das so teuer war. Wiederrum in einer anderen Villa in Holland hat uns eine Dame empfangen, die war ganz weiß angezogen, links und rechts zwei weiße Windhunde und so hat sie uns an der Treppe empfangen. Der gesamte Park vor der Villa war mit Tischen vollgestellt wo wir uns die herrlichsten Speisen und Getränke nehmen konnten und für die Männer gab es Zigarren. Auch diese Dame hat uns durch die ganze Villa und durch den ganzen Garten marschieren lassen. Auf den Treppen sind zum Beispiel alte Standuhren gestanden und das war auch sehr interessant zum Anschauen und alles war sehr großzügig und gastfreundlich. Das konnten wir eben alles über diesen Club machen.
Mein Mann hat das alles organisiert. Nachdem mein Mann verstorben war, hatte ich noch freundschaftlichen Kontakt zu einigen aus diesem Club und mich hat dann auch privat jemand aus Konstanz angerufen und hat mich gefragt, ob ich nicht noch einmal nach Schottland mitkommen möchte und ich sagte: Ja sehr gerne, ich bin immer gerne in Schottland gewesen. Und dann bin ich wirklich mit und war als einzige Österreicherin dort, sonst waren 5 Schweizer und 4 Deutsche und alle waren so nett. Sie haben danach immer alle gefragt: Ist die Österreicherin wohl auch dabei? Dann gab es nochmal eine Reise nach Russland nach Moskau, aber da ist es mir gerade nicht sehr gut gegangen daher habe ich nicht mitgetan. Es wäre sehr schön gewesen, denn es gab dort auch diese Fabergé-Eier zu sehen, die sind ja wunderschön. Dabei handelt es sich um Schmuckgegenstände in Form von Ostereiern, die zwischen 1885 und 1917 in der Werkstatt von Peter Carl Fabergé in Sankt Petersburg angefertigt wurden. Frohe Ostern für ein Ei im Wert von bis zu 40 Millionen Dollar! Da hätte ich auch sehen können, wie diese Eier hergestellt werden. Es war zu dem Zeitpunkt aber so eiskalt in Moskau, dass mir im Nachhinein erzählt wurde, dass sie fast nur gerannt sind auf der Straße so kalt war es! Ich war aber zuvor schon einmal in Russland und kann davon noch etwas erzählen, und von meinem Berufen und den furchtbaren Kriegsjahren.....
Fortsetzung Teil II folgt!
Kommentar hinzufügen
Kommentare