Interview mit einer 96 jährigen Dame aus der Süd-Oststeiermark. Um die Anonymität zu bewahren nenne ich sie "Frau Lebensreich"

Frau Lebensreich, möchten Sie mir ein bisschen davon erzählen, wo Sie geboren und aufgewachsen sind und wer oder was Sie in dieser Zeit maßgeblich geprägt hat?
Ich stamme aus Weiz und habe die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht. Mein Vater stammte aus Anger und meine Mutter direkt aus Weiz. Sie war eine Kindergärtnerin und das hat mich als Mädchen sehr bewegt. Ich selbst habe Kinder auch immer sehr gerne gehabt. Mein Vater war ein Sparkassen-Angestellter. Leider ist er mit 40 Jahren an einem Gehirntumor erkrankt. Das war damals sehr schwer behandelbar. Der einzige Ort, an dem er operiert werden konnte war in Wien bei Herrn Prof. Schönbauer. Leider ist er nach der Operation nicht mehr aufgewacht. Zum Glück hatte ich auch sehr liebe Großeltern und Onkel und Tanten. Die haben mir in schweren Zeiten sehr viel Kraft gegeben. Überhaupt die Familie! Wissen Sie Frau Gabi, meine Eltern haben sich damals schon scheiden lassen und mein Vater hatte dann auch noch eine andere Frau kennen gelernt, mit der er einen sehr lieben Sohn hatte. Ich habe mich mit dieser Frau, die auch sehr gütig war, und dem Halbbruder, immer gut verstanden ich habe sie sehr in mein Herz geschlossen. Das Ableben des Vaters war für niemanden leicht. Meine Mutter hat sich in die Arbeit mit den Kindergartenkindern vertieft. Ich bin als Mädchen nach der Schule oft bei meiner Großmutter mütterlicher- seits gewesen. Sie stammte aus dem Sudetenland aus der damaligen Tschechoslowakei. Die Sudeten sind ein Gebirge, das heute an der Grenze zwischen Polen und Tschechien liegt. Sie hat sehr gut gekocht. Am liebsten hatte ich die Liwanzen. Das war eine herausgebackene Süßspeise mit einem Teig aus Germ und das hat man dann mit Marmelade oder Honig bestrichen. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie, ganz gleich mit welchen Herausforderungen wir zu kämpfen hatten!
Ende oder Wende? Diese Frage haben Sie sich in Ihrem Leben bestimmt schon öfter gestellt? Was hat Ihnen immer wieder auf einem Weg zu einem neuen Miteinander geholfen?
Naja, in der Hoffnung liegen immer ungeahnte Möglichkeiten! Der Mensch kann immer mehr tun, als er denkt! Und das sage ich heute noch mit 96 Jahren! Zu denken, ich bin nicht wichtig oder ich kann nichts tun, ist nicht sehr bestärkend, wenn man auf Herausforderungen Antworten finden will!
Frau Lebensreich, wie haben Sie ihre Kindheit verbracht? Wie war Ihre Schulausbildung und für welchen Beruf haben Sie sich entschieden?
Ich habe als Kind oft Bronchitis gehabt. Deshalb ist die Mutter mit mir immer wieder an das Meer nach Grado gefahren. Ich hatte ja keine Geschwister bis auf meinen Halbbruder, denn ich immer sehr lieb hatte und der mich heute noch aus Wien besuchen kommt. Ich bin immer gerne in die Schule gegangen und habe mich später entschlossen, selbst Lehrerin zu werden. Zu meiner Jugendzeit gab es wenig Lehrerinnen. Erst nach dem Weltkrieg hat sich das geändert, weil so viele Männer gefallen sind und bis dahin waren überwiegend Männer Lehrer. Ich bin dann auf das Gymnasium auch nach Graz, weil dort musste ich Singen und Turnen nochmal nachmachen. Das war in Weiz nicht dabei.
Sie konnten nach Grado reisen? Hat es Ihnen dort gefallen? Und konnten Sie in Ihrem Leben noch weitere Reisen unternehmen?
Ja, am Meer hat es mir sehr gut gefallen. Mich hat alles interessiert, was es dort zu entdecken gab! Später konnte ich mit meinem Mann eine Weltreise machen! In 40 Tagen haben wir einige Länder besucht! Es war sein größter Wunsch und als unsere Kinder groß genug waren und ich schon in Pension, haben wir uns dafür entschieden! Es war so schön und lustig! In Kanada hat es mir am besten gefallen. Dort haben wir Verwandte und wir konnten uns bei ihnen nach der langen Reise noch etwas ausruhen, bevor es zurück nach Weiz ging. Wir waren in New York und in L.A. Dort weiß ich noch, dass wir bei der Landung kein Taxi bekamen. Dann haben wir einen Passanten gefragt und unser Englisch war mittelmäßig. Der Mann hat uns geantwortet: ein Taxi? Ich brauche kein Taxi so etwas habe ich noch nie gebraucht! Ich glaube, er hat uns falsch verstanden. Wir waren auch in Japan. Dort waren alle sehr höflich und nett und die Japaner sind sehr offen auf uns zugegangen. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich direkt für uns verantwortlich fühlten, dass es uns gut ging und gefiel. Aber egal wohin wir geflogen sind, wir haben immer versucht mit den Menschen vor Ort zu reden. Es war auch viel mehr Zeit vorhanden, um richtig miteinander zu reden, weil es gab noch kein Internet oder so eine Vielfalt an sozialen Medien. Ich glaube, das verlangt heute alles ganz neue Fähigkeiten zu einem Dialog.
Frau Lebensreich, wie haben Sie Ihren Mann kennen gelernt?
Beim Zug fahren. Er ist immer von Gleisdorf über Weiz in die Schule gefahren. Zuerst hatte er immer eine Begleiterin dabei und ich habe mir gedacht: diese dumme Gans. Ich habe ihn halt damals schon sehr gern gehabt, und irgendwann hat sie sich einen anderen gefunden. Meine Mutter wollte mir einen anderen Mann andrehen. Der hat uns immer Kürbis vorbei gebracht. Aber ich dachte immer nein, nein! Mein Mann kam aus Hofstätten und dort hatten seine Eltern bzw. seine Verwandten einen Hof und einen Kramerladen oder Tante Emma Laden, wie manche gesagt haben. Dort hat man einfach alles bekommen, was im Alltag gebraucht wurde. Ich freue mich sehr, dass es heute auch wieder so ähnliche Läden gibt, wo man biologisch und umweltbewusst einkaufen kann. Das sollte noch viel mehr gefördert werden, sodass es auch für jeden leistbarer wird! Leider ist das Familiengeschäft in Hofstätten eingegangen. Mein Mann und ich waren 60 Jahre verheiratet und es war eine gute Ehe. Seitdem er gestorben ist, bin ich nur mehr die Hälfte. Wir haben 2 Kinder, 2 Söhne, die beide in meiner Nähe wohnen. Darüber bin ich sehr froh.
Was können Sie mir über Ihre Tätigkeit als Lehrerin erzählen?
Ich habe immer die 3. und 4. VS unterrichtet. Zu Beginn meiner Tätigkeit waren 45 Kinder in meiner Klasse! Die wurde dann später geteilt. Die Bauerskinder waren mir die liebsten und die waren immer sehr lieb und brav. Viele sind ja von so weit her zu Fuß in die Schule gegangen. Im Dunkeln um halb sechs sind sie los gegangen und im Winter kamen sie waschelnass in meiner Klasse an. Die Mädchen hatten oft nicht einmal richtige Jacken an, deshalb haben sie 5 Röcke übereinander getragen, um sich vor der Kälte irgendwie zu schützen. Dann haben wir in der Klasse den Ofen eingeheizt und die Röcke zum Trocknen aufgehängt. Frau Gabi, das hat dann ganz schön gestunken! Die meisten der Kinder hatten selbst gebackenes Bauernbrot zur Jause mit. Hin und wieder hatte jemand eine Semmel dabei und das war dann der Kaiser! Wir haben den Unterricht oft draußen abgehalten, in der Natur. Es wurde zwischendurch viel gespielt und getobt. Und um 12 Uhr sind die Kinder dann wieder nach Hause gegangen. Es war auch eine Zeit, wo es bei den Bauern viele Pflegekinder gab. Über Weihnachten habe ich den Kindern einmal eine Aufgabe mitgegeben. Sie sollten aufschreiben, was das Christkind ihnen gebracht hat. Nach den Ferien hatte nur ein Bub die Aufgabe nicht gemacht. Ich habe ihn gefragt: Warum hast du nicht aufgeschrieben, was das Christkind dir gebracht hat? Dann hat er geantwortet: weil mir das Christkind nichts gebracht hat. Er war ein Pflegekind und hat mir sehr leid getan.
Zu Beginn meiner Tätigkeit als Lehrerin war es ganz normal, dass mich der Schuldirektor bei den Familien vorstellen gegangen ist. So kam es, dass wir von Hof zu Hof und von Haus zu Haus gegangen sind und wie es so üblich war, bekamen wir überall einen Schnapstee angeboten. Aber den habe ich nicht vertragen und so musste der arme Direktor immer 2 trinken. Der war dann zum Schluss schon sehr gut drauf. (Frau Lebensreich lacht) Sonst war es sehr streng mit dem Direktor und dem Schulinspektor. Einmal hatte ich fürchterliches Zahnweh und wollte früher heim, aber der Direktor hat gesagt: Es tut mir leid, da müssen wir den Schulinspektor fragen, ob das in Ordnung geht. Schließlich hat er sich erbarmt und mich doch einfach heim gehen lassen. Und einmal ist der Schulinspektor höchstpersönlich ohne Voranmeldung gekommen, um zu schauen, ob alles an der VS in Ordnung ist. Das war uns deshalb unangenehm, weil niemand etwas zum Mittagessen vorbereitet hatte und in ein Gasthaus wollte er nicht gehen. Dann hat er gefragt: Ja habt ihr nicht irgendein Dienstmadl, dass schnell ein Hendl abstechen kann? Jetzt wurde tatsächlich ein Dienstmadl gebeten, ein Hendl abzustechen, zu rupfen und zu braten. Aber so viel hatten wir alle nicht davon.
2x pro Woche gab es Religionsunterricht. Aber der Pfarrer kam oft zu spät und manchmal gar nicht. Dann habe ich die Kinder gefragt: Kinder, wo ist den der Herr Pfarrer? Und die Kinder wussten ganz genau wo er ist und haben gesagt: Ach, der wird wohl bei der Leni im Gasthaus sein! Später ist er dann Pfarrer in St. Radegund geworden und die Leni hat er als Pfarrersköchin mitgenommen. (Frau Lebensreich lacht)
Wie haben Sie die Kriegs und Krisenzeit miterlebt, Frau Lebensreich? Und wie haben Sie in Ihrem Leben die Politik wahr genommen?
Man hat uns ja einfach alles eingeredet! Was man denken sollte und durfte, wo man dabei sein sollte und so weiter! Durch die Luftangriffe sind viele Häuser kaputt gegangen und in Weiz befand ich mich einmal bei einem Angriff in einer Wohnung. Ich bin umgefallen aber das Haus blieb weitgehend unbeschädigt. Ich kann mich noch so gut an eine Frau mit vier Kindern in einem Nachbarhaus erinnern. Alle sind sie gestorben. Noch heute, wenn ich an ihrem Grab vorbei komme, muss ich an sie denken wie unschuldig sie waren. In Graz mussten wir bei Luftangriffen in den Schlossberg gehen. Ich habe dort ja am Schlossbergkai das Gymnasium besucht. Aber in der Innenstadt ist nicht so viel zerbombt worden, wie in der Bahnhofsgegend. Aber die Kinder sind jetzt gerade in dieser Zeit auch arm. (Frau Lebensreich schweigt einen Moment, und erzählt dann weiter) In der Nachkriegszeit war so wenig zu Essen vorhanden. Meine Mutter hatte eine Schwester, die hat in einem Büro gearbeitet und so schön dichten können. Sie hat dann einmal ein Gedicht über die "rosarote Brotkasse" geschrieben und wäre dafür fast verhaftet worden! Ich bin so froh, dass ich dann über meinen Mann meine Schwiegereltern kennen gelernt habe. Die hatten so schöne rot gefärbte Eier zu Ostern in einem Korb und Geselchtes. Nach diesen schweren Kriegsjahren war das ein Anblick, denn ich nie vergessen werde! Die Politik habe ich schlecht wahr genommen! So schlecht, dass man am liebsten nichts mehr davon hören will, weil sie so viel Leid gebracht hat...
Frau Lebensreich, Sie sind geistig noch so fit und es ist unglaublich spannend Ihnen zuzuhören! Wie kommt es, dass Sie heute mit 96 Jahren noch so geistreich und vielseitig interessiert sind? Was ist Ihr Geheimrezept?
Man darf niemals resignieren und man muss immer neu lernen! Natürlich habe ich immer versucht, mich viel an der frischen Luft zu bewegen und habe viel frisches Gemüse und Obst gegessen. Aber das Gehirn baut im Alter ab und das ist ein schleichender Prozess. Schauen Sie, mich besucht einmal pro Woche jeden Mittwoch noch immer eine alte Lehrerkollegin und gemeinsam reden wir über viele Neuigkeiten aus der Welt und lösen gemeinsam Rätsel! Das ist Gehirntraining und letztes Mal haben wir alles gelöst! Das ist uns noch nie gelungen! Ich habe auch in meiner Pension nicht aufgehört, mich für die Kinder und Familien zu interessieren und zu engagieren. Ich habe in der Pension einen Bücherladen gegründet und dann noch 20 Jahre darin gearbeitet! Bis ich leider immer schlechter sehen konnte.
Was würden Sie zum Abschluss gerne mitgeben?
Es ist notwendig, dass wir in unserem Miteinander wieder mehr Reife und Zusammenhalt entwickeln! Die Liebe zum Leben und der Wert zu einem freundschaftlichen Miteinander sind das Wichtigste!
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