Der Oberwölzer Roaftanz

Veröffentlicht am 1. Mai 2022 um 18:51

Oberwölz ist die kleinste Stadt in der Steiermark und bereits seit 1305 zur Stadt erhoben und spielte für den Bergbau als Eisenumschlagplatz eine bedeutende Rolle. Das verschaffte der Stadt Reichtum und den Knappen einen Sonderstatus mit dem Privileg, Waffen tragen zu dürfen. Der Schwerttanz war Ausdruck dieses Vorrechts. Als der Bergbau erlosch, verloren die Knappen ihre Sonderrechte, unter anderem das Tragen der Waffen. Der bergmännische Schwerttanz dürfte von der bäuerlichen Bevölkerung übernommen worden sein und die Schwerter durch mit Reisig umwickelten Reifen ersetzt worden sein.  Der Roaftanz setzt sich in der Ausführung in 3 Teilen zusammen:

1. Teil: Beim Oberwölzer Roaftanz werden Tanz und Spielszenen in den Rahmen eines großen "Moarhofes" mit elf Knechten integriert. Die Namen der Knechte (Hans Obermoar, Grean in Wald, Schellenfriedl, Hans inter`n Dach, Ruabndunst, Hans tuat koa guat...) lassen schon einiges über die Charaktereigenschaften der handelnden Personen erahnen. Der Tanz selbst ist ein feierlicher Schreittanz, der mit Ernst und Würde zelebriert wird!

Den Roaftanz bestimmt der Schalknarr, der in seiner Rolle das Gesetz, die Strenge und die Ordnung vertritt. Sein Gegenspieler der Hefenstreit, symbolisiert Freiheit, das Liederliche das Chaotische. Das Wechselspiel zwischen den Figuren lockert den feierlichen Ernst der Aufführung auf. Von den Tänzern verlangen die einzelnen Tanzfiguren Konzentration und gespannte Aufmerksamkeit. Sobald die Roaftänzer mit ihren Reifen das Häusel gebaut und wieder aufgelöst haben, stellen sie sich, einander gegenüberstehend in einer Gasse auf. In dieser schreitet der Schalknarr auf und ab. Einzeln ruft er Knechte herein und hält mit jedem komplett unsinnige aber lustige Zwiegespräche in gereimter Form. Alle Texte werden in Mundart gesprochen und spiegeln die kräftige Ausdrucksweise der heimatlichen Gegend wider. Für Nicheinheimische bedeutet das ein aufmerksames "hinlosen". 

 

2. Teil: Der Hefenstreit muss rasiert werden (vielleicht steckt hier ein altes Reinigungsritual dahinter) Dazu wird tüchtig mit Schaum eingeseift und dann mit einem überdimensionalen Rasiermesser "geschoren". Daraufhin klagt er über heftige Zahnschmerzen. Auch da hilft der Schalknarr, indem er ihm pantomimisch mit einer riesigen Zange den schmerzenden Zahn auf drastische Weise entfernt. Dabei stürzt Hefenstreit zu Boden und muss wieder belebt werden. Erst nach mehreren Versuchen gelingt es. Hefenstreit springt auf und hält in der Gasse seinen Monolog. Es dürfte sich bei dieser Szene um sehr alte Spiele handeln. Einzelne Aussprüche deuten darauf hin, dass früher gereimte Texte vorgetragen wurden. Manche Volkskundigen sehen im Rasieren und Zahnreißen Beispiele für alte Initiationsriten, wie sie in allen Kulturen beim Übergang vom Jünglings- zum Mannesalter zu finden sind.

 

3. Teil: Nun wird der Roaftanz mit allen Figuren wiederholt. Nach Auflösung des zweiten Häusels bilden die Tänzer nochmals die Gasse, in welche der Schalknarr tritt, um seinen Abschiedsreim zu sprechen. Damit endet die Aufführung die rund eineinhalb Stunden dauert. 

 

Rückblickend auf meine eigenen Prägungsjahre in dieser geschichtsträchtigen Kleinstadt erkenne ich heute sehr viel Begeisterung für Schwertkampf, tanzen und lustiges reimen an mir selbst und ich schätze mich sehr glücklich, von solchen Bräuchen berichten zu können.


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